Expedition zu den Polen. „Wohin fährst du in den Sommerferien? Nach Polen? Hast du da Verwandtschaft?“  Allgemeine Verwunderung herrschte über unsere Reisepläne. Warum eigentlich? Es handelt sich ja nicht um eine Expedition in eisige, menschenleere Polargebiete, sondern um eine Fahrt in eines unserer europäischen Nachbarländer, also ähnlich spektakulär wie ein Urlaub in Frankreich oder in der Schweiz.  Wirklich? Irgendwie war noch keiner dort gewesen, den ich kenne.

Irgendwie grassiert noch immer die Vorstellung, dass unsere Autos auf mysteriöse Weise dort landen – und zwar ohne uns.  Ansonsten wissen wir nicht viel über dieses Land. Und nun liegt also ausgerechnet in Polen eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte 2016, genauer gesagt in Breslau oder polnisch Wrozlaw.

Dem  Konzept der Kulturhauptstadt liegt seit 1985 die Idee des gegenseitigen Kennenlernens, der Annäherung und des interkulturellen Dialogs der Europäer zugrunde:

„Wrozlaw ist ein Ort der Begegnung, ein Ort voller kultureller Ereignisse, eine offene, moderne und junge Stadt mit Ambitionen und Traditionen. Aus diesem Grund waren wir der Meinung, dass es Zeit wird, sich der Welt zu präsentieren und den Beitrag Wrozlaws zur Entwicklung Polens und Europas zu verdeutlichen. Wir wollen der Welt über unsere Vergangenheit und Gegenwart erzählen  und darauf unsere Zukunft aufbauen, um all das weiterzuentwickeln, was an unserer Stadt schön, wichtig und einzigartig ist“, so heißt es in der Broschüre „Europas Kulturhauptstadt Wrozlaw 2016“.

Insgesamt sind für dieses  Jahr fast 1000 künstlerische Ereignisse in den Bereichen Architektur, Visuelle Künste, Performance, Theater, Musik, Oper, Film und Literatur geplant, es soll eine Vielzahl von Veranstaltungen wie Festivals, Konzerte, Performances oder Happenings im urbanen Raum stattfinden.  Also, nichts wie auf nach Wrozlaw!

   

Um es kurz zu fassen: Nach unserer Fahrt durchs Riesengebirge, durch schier endlose Wälder und weite Felder, durch kleine Orte mit oftmals verfallenen, grauen Häusern waren wir überwältigt von dieser Stadt!  Ein einzigartig schöner Marktplatz erwartete uns mit einem beeindruckenden gotischen Rathaus, Patrizierhäuser mit bunten Fassaden, die den Betrachter auf eine architektonische Reise von Gotik bis Jugendstil führen, Straßencafés, die fast südländischen Flair verbreiten, Straßenmusik an allen Ecken, eine entspannt Atmosphäre an den Ufern der Oder und auf deren Inseln, wo man im Grünen flanieren oder auf einem der dort ankernden Boote ein kühles Bier trinken kann. 


Irgendwie hat diese Stadt so viel zu bieten, dass es uns fast schwer fiel,  Ausstellungen zu besuchen. Aber schließlich waren wir ja wegen der Kunst so weit gereist, also rein ins Vergnügen!
Die erste auf unserem Plan,  „The degree of dependencies“, eine Ausstellung von jungen ukrainischen Künstlerkollektiven,  durfte konsequenterweise nicht allein besucht werden.  Also bildeten wir spontan ein „Besucherkollektiv mit Hund“ und unsere Lola kam auf ihre alten Tage tatsächlich noch in den Genuss die, ansonsten für Hunde natürlich strikt verbotenen, heiligen Hallen der Kunst zu betreten.  Ob es ihr gefiel? Hingeschaut hat sie jedenfalls nicht… Ob es uns gefiel? Nicht wirklich. Sehr verkopft und so verschlüsselt, dass man ohne die seitenlangen Erklärungen zum Konzept des jeweiligen Werks „nur Bahnhof verstand“. Geht es nicht am Wesen der visuellen Künste vorbei, wenn sie sich auf visuellem Wege gar nicht mehr erschließen lassen? 

 

Da ließ auch die nächste Ausstellung auf meinem Plan nichts Gutes ahnen: „Art seeks IQ“, Kunst von Wrozlawer Künstlern im National Forum of Music. Was für ein Bauwerk! Wer es bisher noch nicht ahnte, dem war es spätestens jetzt klar: Wrozlaw hat sich in erster Linie der Musik verschrieben. Die eher konventionellen Bilder auf den Gängen dieses Gebäudes gingen ziemlich  unter angesichts der kühnen Architektur, die einen von Stockwerk zu Stockwerk mehr staunen ließ. Was die Bilder mit dem IQ zu tun hatten? Keine Ahnung, ein durchgängiges Konzept war nicht erkennbar.

   

Fazit: Wegen der visuellen Kunst hat es sich nicht wirklich gelohnt,  nach Wrozlaw zu reisen. Vielleicht war auch der Zeitpunkt falsch gewählt, der August scheint eher eine kulturelle Pause darzustellen. Aber trotzdem sind wir froh, in diese wunderbare Stadt gelockt worden zu sein, die wir ohne den Titel „Kulturhauptstadt“ wahrscheinlich nie kennengelernt hätten.  Der „interkulturelle Dialog“ hat zwar eher über den Magen stattgefunden – erwähnt seien hier die sensationellen Pierogi Ruskie und die noch warmen Pączki in der Stara Paczkarnia, wo den ganzen Tag über bis in die Nacht hinein Leute jeden Alters Schlange stehen, um noch warme Krapfen mit verschiedenen Füllungen direkt aus der Küche zu kaufen.

 

Gegenseitige Annäherung  geschah weniger in Kunstgalerien als auf dem Rathausring, wo sich die ganze Stadt gegen Abend zu treffen scheint. Begeistert waren wir von der Aufgeschlossenheit der Menschen, der entspannten Stimmung, den wenigen Touristen und der immer wieder aufscheinenden Herzlichkeit der Einheimischen: Sogar unser alter Hund bekam von einem vorbeilaufenden jungen Passanten spontan einen Kuss auf die Stirn gedrückt. Und ja, unser Auto haben wir wieder mit nach Hause gebracht. Vorurteile ade!

 

Literaturempfehlungen:

Steffen Möller: Expedition zu den Polen. Piper Verlag

Die Breslau Krimis von Marek Krajewski

 

Al Smek

 

 

 

 

 

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