Dunkle Basstöne. Stimmungsbilder in Rhythmus gepackt. Klangtiefe. Worttiefe. Klingt vielversprechend.

Der Schauspieler Kristoffer Nowak liest Gedichte von Joseph Warner, nein, er haucht ihnen Leben ein, ein fast schon magischer Akt. Und Warner improvisiert zu seinen Texten auf dem Kontrabass, antwortet auf die vorgetragenen Wortbilder, ein konzentrierter, in sich versunkener Simultandolmetscher von der Sprache der Poesie in die Sprache der Musik.


Zunächst empfinde ich dieses ständige Übersetzen als eher störend, kann mich weder auf die eine noch auf die andere Sprache ganz und gar einlassen. So wie mich auch Filme mit Untertiteln emotional weniger berühren, weil mein mitlesender Intellekt offensichtlich die Gefühlsebene dominiert. Und so springe ich angestrengt hin und her zwischen dunklen Tönen und tiefen Worten, verarbeite hier einen Wortfetzen, hänge da einer Melodie nach und versuche, ein Ganzes zu basteln aus den Mosaiksteinen, die da vor mir ausgebreitet liegen. Irgendwann werde ich müde und das ist gut so. Denn erst als ich loslasse und gar nicht mehr versuche zu verstehen, entfaltet das Zusammenspiel seine Wirkung. Bilder scheinen vor meinen Augen auf und vergehn. Ich lasse sie einfach ziehn, sich verändern, immer wieder neue Form und Gestalt annehmen wie das ferne Wolkenspiel am Himmel, ungreifbar, unbegreifbar und doch von großer Schönheit.

Die Natur in ihrem Jahreskreislauf ist das Leitmotiv, das die Texte durchzieht. Und doch spüre ich, dass es keine Naturlyrik ist, der ich hier begegne. „Landschaft ist das Spiegelbild der Seele“ war das Credo der Romantik. In Caspar David Friedrichs Naturdarstellungen begegnet der Betrachter in der unendlichen Weite der Landschaft sich selbst, seinem unerforschten Innersten, seiner menschlichen Begrenzung, seiner Einsamkeit. Der Maler benutzt dazu Farbtöne, mit denen unsere Seele auf Resonanz geht. Bei Joseph Warner spiegeln wir uns in Sprachbildern, folgen blindlings den warmen Basstönen seines Instruments, steigen auf der Tonleiter hinab in unsere ureigenen Tiefen. Dies verlangt vom Zuhörer kontemplative Ruhe, etwas, das uns schwer fällt in unserer reizüberfluteten Zeit. Gewohnt an geistiges Fastfood fürs Auge und fürs Ohr fordert diese Lesung das Publikum heraus und lässt es mit Emotionen zurück so verschieden gefärbt, wie wir Menschen es nun einmal sind.

Ein Morgen,
wie Kornblumen:
Sinkt bis zum Abend
im Blau
eines wässrigen Lichts.
Und hindurch
scheint
die Nacht… 


Lust auf mehr?

Der Poet antwortet auf diese Lyriklesung mit seinem Gedicht In Glas gehüllt.


Text: Al Smek
Fotos: mit freundlicher Genehmigung von Joesph Warner

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