Flucht, Vertreibung und Tod brechen unvermittelt in eine Familienidylle ein. In alter Brecht-Manier überzeugt das Stück „Das Kind träumt“ von Hanoch Levin und hinterlässt den Zuschauer aufgewühlt.

„Flucht ist eine Reaktion auf Gefahr und Bedrohung oder als unzumutbar empfundene Situationen. Meist ist die Flucht ein plötzliches und eiliges […] Verlassen eines [...] Landes. Die eilige Bewegung weg von der Bedrohung ist oft ziellos und ungeordnet […].“ So lautet eine allgemeine Definition.

Flucht, so traurig es auch ist, ist zweifelsfrei als der zeitlose Leitgedanke in Levins - bereits 1993 erschienenen - Werk "Das Kind träumt" zu bezeichnen.Losgelöst aus einem friedvollen Familienszenario – Eltern mit einem schlafenden Kind - erfährt eine Familie die willkürliche Brutalität eines Regimes am eigenen Leib und begibt sich auf die von Skrupellosigkeit geprägte Flucht.

Mit einem hohen Maß an Vulgarität und der Zurschaustellung von Tabulosigkeit wird der Zuschauer regelrecht aus seiner gemütlichen Komfortzone hinausgestiefelt und sieht sich, dank überzeugender schauspielerischer Leistung seitens der brechtbühne, mit Themen konfrontiert, die für viele Menschen weltweit Alltag sind: Vertreibung, Vergewaltigung, Tod und Trauer. Somit wurde in der Premiere vom 13. Januar ein Stück aufgeführt, welches sicherlich ein allgemeines Unbehagen hat breit werden lassen und das hoffentlich ein Überdenken des eigenen Lebensstils ausgelöst hat.

Ergänzend ist noch mein rechter Schuh zu erwähnen, der spontan und interaktiv am Stück mitwirken konnte und jetzt mit Kunstblut verschmiert im Schuhregal ruht. Mit den Worten „Ein Schuh!“ wurde mir als unbeteiligter Zuschauer dieser entwendet und als Werkzeug missbraucht, um die Absurdität und die Machtdemonstration in einer Situation zu unterstreichen. Ob diese Szene so geplant war oder auf improvisatorischem Geschick beruht, sei außen vorgelassen.

Dieser Schuh zeigt also, dass die erste Reihe der brechtbühne durchaus lohnenswert ist, also das gefühlte Erlebnis des Stückes im gewissen Maße noch intensiver macht als die anonymen hinteren Reihen. Jeder, der sich auf dieses Wagnis einlässt, wird verstehen, was ich meine. Berührungsängste sollte man allerdings nicht haben!

Die Ironie des Abends war, dass wir als „die Gesellschaft“ einen beträchtlichen Teil an Kritik in Levins Werk abbekommen und uns genau so verhalten, wie wir dargestellt wurden: Wir sind schockiert, beklommen und vergießen eine Träne. Doch der Abend klingt dann mit einer Flasche Wein und viel Gelächter aus.

Benjamin Becker

 

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Fotos: Jan-Pieter Fuhr (mit freundlicher Genehmigung des Stadttheaters Augsburg)

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